36. Jahrestag der Deutschen Einheit und meine Gedanken hierzu
Gleich vorweg: Für mich ist die Wiedervereinigung in großen Teilen gescheitert!
Und das hat natürlich viele Gründe. Zum einen liegt es an der Presse, die gleich 1989/90 in die Vollen ging und den doofen Ossi erschuf.
Wer erinnert sich nicht an „Zonen - Gabi“ dieses widerwärtige Drecksbild, bei dem mir vor Wut die Luft weg blieb.
Im Laufe der Zeit steigerte sich dann dieser Wahn noch und heute wird der Ostdeutsche, als geistig zurückgebliebener rechtsradikaler Vollpfosten hingestellt, der zu dumm ist, um bis drei zu zählen.
Dass die Kinder dieser angeblich so dummen Menschen jedes Jahr aufs Neue bei PISA die ersten Plätze erreichen und die West-Kinder in die Schmuddelecke schicken, scheint der Presse Jahr für Jahr zu entgehen.
Schöner Widerspruch, der sofort klar und deutlich zeigt, dass die Presse hier wohl gründlich indoktriniert ist.
Und diese Demütigungen gehen immer weiter, denn was zur Hölle soll denn bitte der Ostbeauftragte der Bundesregierung sein? Was soll denn sein Auftrag sein?
Den Ostdeutschen zu erklären, wie man lebt, arbeitet und wählt? Das wissen die selbst und haben die auch schon immer gewusst. Und warum gibt es eigentlich keinen Westbeauftragten der Bundesregierung? Da die Westdeutschen alles wissen und so schlau sind?
Und gut, ja, wir haben heute blühende Landschaften in Ostdeutschland.
Wer Görlitz und Quedlinburg zu DDR‑Zeiten gesehen hat, weiß, was ich meine. Da hat Kohl nicht zu viel versprochen, aber es hat doch sehr lange gedauert.
Was wir aber nicht haben, sind wirtschaftsstarke Großunternehmen, die für breiten Wohlstand im Osten sorgen. Stattdessen haben wir in den Spitzen der Unternehmen, in den Behörden und sogar in den Universitäten nur Westdeutsche in den Führungspositionen sitzen.
Und sie sterben nicht aus, da sie „ihre Seilschaften“ aus dem Westen nachgezogen haben, denn klar – mit einem Spitzengehalt – lässt es sich auch im dunklen, rechten Osten verdammt gut leben.
Hier gibt es dringend Handlungsbedarf, aber ich sehe nicht, wie man das ändern könnte.
Ich bin Baujahr 1960, habe 24 Jahre in der DDR gelebt und lebe mittlerweile 42 Jahre im Westen. Ich kenne also beide Seiten und bin auch oft in der alten Heimat zu Besuch, rede dort mit vielen Menschen und bin immer wieder erstaunt, dass so viele Ostdeutsche zwar schlecht über den Westen reden, aber noch nie da waren.
Und andersherum ist es ganz genau so. Hier liegt meines Erachtens auch ein ganz großes Problem.
Als ich damals 1984 in die BRD kam und mich dort gut eingelebt hatte, fiel mir bei all meinen Arbeitskollegen als Erstes auf, in was für einem großen Wohlstand sie lebten.
Kein Wunder, denn ihre Eltern kannten seit 1949 nur eine Richtung. Steil nach oben. Da wurden Häuser gebaut, Eigentumswohnungen und Grundstücke gekauft, vererbtes Geld in hohen Beträgen in Festgeld für 10 % Zinsen angelegt.
Kurz: Es ging ihnen allen sehr gut. Als 1989 die Wende kam, änderte sich für sie nichts. Überhaupt nichts. Ihr Leben ging weiter, als wäre nichts geschehen, und für sie geschah ja auch nichts.
Auf der anderen Seite, war es natürlich ganz anders. Die DDR‑Bürger konnten sich seit 1949 nur einen sehr bescheidenen Wohlstand erarbeiten.
Die allerwenigsten konnten sich ein eigenes Haus bauen, ein Schrebergarten war schon etwas Tolles. Noch eine Neubauwohnung und ein Trabant, dann war man schon zufrieden. Noch ein paar Tausend Mark auf dem Konto, aber das war es dann auch schon und man hatte einen sicheren Arbeitsplatz.
Mit der Wende änderte sich für die Ostdeutschen dann plötzlich alles. Es gibt wohl kaum eine Familie, die von den nun folgenden tiefen Einschnitten, den Brüchen in den Biografien nicht betroffen waren.
Nach der Währungsunion, die die Ostdeutschen selbst alle wollten, brachen plötzlich die Arbeitsplätze weg. Millionen wurden über Nacht arbeitslos und fanden sich plötzlich in den vollkommen überforderten Arbeitsämtern wieder.
Die paar Tausend Ostmark, die sie in D‑Mark hatten umtauschen können, halfen dann auch nicht lange.
Irgendwann zog plötzlich die Armut ein, wo vorher ein bescheidener Wohlstand herrschte und eben Sicherheit. Nämlich die Sicherheit, dass an jedem Monatsende Geld aufs Konto kam und der Arbeitsplatz unantastbar war. Fühlte man sich vorher als wertvolles Mitglied der Gesellschaft, so war man indessen nur noch einer der vielen Arbeitslosen, die auf den Ämtern um jeden Pfennig betteln mussten.
Diese heftigen Brüche in den Biografien der Ostdeutschen mussten die Westdeutschen nie erleben und auch nicht den Arbeitsplatzverlust.
Diese schwere Bürde tragen die Ostdeutschen heute noch und ich kann auch nicht erkennen, wie sie in der breiten Masse diese Defizite aufholen sollen.
Die Westdeutschen wissen davon so gut wie nichts und bedienen nur allzu gerne die Klischees der dummen Ossis, die immer noch von der Presse verbreitet werden.
Außerdem verloren viele Ostdeutsche im Zuge der Wende nicht nur ihre Arbeit, sondern das "vermeintlich" eigene Haus und oft das Grundstück gleich noch mit dazu, da die ehemaligen Besitzer aus dem Westen ihre Ansprüche dann geltend machten.
Und hier muss ich die Westdeutschen mal in Schutz nehmen, denn Schuld waren nicht sie, sondern die DDR‑Behörden, die "fremdes" Eigentum einfach so verkauften, verpachteten oder vermieteten.
Das ändert aber auch nichts daran, dass die breite Masse der Westdeutschen auch solche Enteignungen nie erleben mussten.
Von der vernichtenden Arbeit der Treuhand wollen wir erst gar nicht sprechen. Das Ergebnis ist hinreichend bekannt und die Einzelheiten würden ganze Bibliotheken füllen.
Klar ist heute: Es ging alles viel zu schnell, wurde überstürzt und übers Knie gebrochen.
Wenn ich heute im Osten unterwegs bin und mit meiner Generation rede, so höre ich auch immer wieder die selbe Meinung.
Die DDR wollen sie nicht wieder haben, denn sie haben nicht vergessen, wie es war, stundenlang für irgendwelchen Müll anzustehen und so ihre wertvolle Lebenszeit zu verplempern.
Was sie aber wollen, ist eine gewisse soziale Sicherheit, die es aber eben so nicht mehr gibt. Jeder muss sich selbst kümmern und das fällt vielen noch heute so unendlich schwer, denn vorher war ja in der DDR alles geregelt. Von der Wiege bis ins Grab.
Spricht man über soziale Sicherheit, kommt in meiner Generation auch sofort das Thema Rente auf und die Wut darüber, dass man fast keine Rente bekommt.
Die meisten sind in der Wendezeit ja völlig unverschuldet in die Arbeitslosigkeit geraten und kamen da nie wieder so richtig raus. Da gibt es natürlich viel Bitterkeit, denn viele haben sich ihren Lebensabend ganz anders vorgestellt.
Auch hier sehe ich dringenden Handlungsbedarf, aber auch davon kann man bestenfalls träumen.
Und dann natürlich das Thema „Aufarbeitung“, das mir persönlich so am Herzen lag und die niemals stattgefunden hat. Ich hatte ja schon mal darüber berichtet, möchte es hier aber nochmals übernehmen, da es hier so gut her passt. 36 Jahre danach.
Denkt man heute an die Wiedervereinigung, so kommt einem überwiegend zuerst der Begriff „Treuhand“ in den Sinn und die große Aufregung, die damals deswegen im ganzen Osten herrschte.
In all diesem „Getöse“ ging eins völlig unter. Nämlich die Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in der DDR begangen wurden.
Fast alle diese Verbrechen blieben ungesühnt, straffrei und oft blieben die Täter sogar in „Amt und Würden“.
Wie konnte das passieren? Man versetze sich einmal in die Lage eines ehemaligen politischen Häftlings, der in den 90er Jahren auf einem Amt, plötzlich seinem ehemaligen Peiniger gegenüber saß, der dort auf einer gut dotierten Stelle wieder das Sagen hatte. Wie konnte man das nur zulassen?
Schuld daran, war die SPD!
Wie das? Die „Zentrale Erfassungsstelle der Landesjustizverwaltungen“ in Salzgitter, war zu BRD‑Zeiten für die Erfassung genau dieser Verbrechen, also für die begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der DDR, zuständig.
Wie viele Menschen heute gar nicht mehr wissen, hat die SPD schon zu DDR‑Zeiten 1984 darauf gedrängt, diese Erfassungsstelle zu schließen und aufzulösen.
Bereits 1988 stellten die sozialdemokratisch regierten Bundesländer und West-Berlin schrittweise die Mitarbeiter und die Finanzierung der Behörde in Salzgitter ein.
1992 hatten sie dann endgültig ihr Ziel erreicht. Die Erfassungsstelle wurde geschlossen, die über 42.000 Akten wurden in das Bundesarchiv nach Koblenz ausgelagert. Die SED-Täter und -Verbrecher nie belangt.
Wie konnte die kurz darauffolgende Kohl‑Regierung das nur zulassen? Wieso wurde nicht aufgeklärt und angeklagt? Wieso wurden diese Verbrecher nicht abgeurteilt?
Die vielen ehemaligen politischen Häftlinge – von denen ja noch viele leben – wurden gründlich vergessen. Sie haben keine Lobby und finden bestenfalls als „Staffage“ am 3. Oktober für irgendwelche Politiker statt.
Viele von Ihnen kämpfen heute noch – 36 Jahre danach – um Anerkennung ihrer schweren haftbedingten Leiden gegen eine unbarmherzige Bürokratie an, die Beweise sehen will, die entweder nicht existieren – da sie vernichtet wurden – oder schlicht nicht zu erbringen sind.
Wie beweist man etwa schlaflose Nächte, in denen man von einer Panikattacke nach der anderen gejagt wird?
Viele der ehemaligen politischen Häftlinge konnten bedingt durch ihre Leiden auch nicht oder nur teilweise arbeiten, sodass sie oft heute im Alter gleich noch einmal mit Altersarmut bestraft werden, während ihre Peiniger hohe Renten bekommen.
Da hilft auch die mickrige „Opferrente“ von nun 417 Euro im Monat nicht viel.
Was für eine Schande für diesen Staat. Die Opfer vergessen, die Täter belohnt.
Vergesst mir bitte diese tapferen Menschen nicht, die bewusst im Widerstand gegen einen Verbrecherstaat, oft alles riskiert und gegeben haben. Manche sogar ihr Leben.
Sie haben – jeder für sich – entscheidend an dieser Wende mitgewirkt und dann oft aus dem Westen heraus die Fäden gezogen und zum Untergang dieses Verbrecherregimes beigetragen.
Ich möchte hier als Beispiel Roland Jahn nennen, den ich sehr schätze und respektiere.
Als dann die Stasi‑Unterlagen-Behörde gegründet wurde, forderten viele ehemalige DDR‑Bürger ihre Akten an, ohne sich wohl so richtig darüber im Klaren zu sein, was die Stasi wirklich getrieben hat.
In wohl nicht wenigen Fällen, kam dann das böse Erwachen, als man Muster, Begegnungen und Familienfeiern zuordnen konnte und mit Entsetzen feststellte, dass einen die eigene Verwandtschaft hin gehangen hat.
Daran sind noch im Nachgang nicht wenige Familien zerbrochen. Auch eine Erfahrung, die die Westdeutschen nicht machen mussten.
Und ich warne immer eindringlich davor, sich blauäugig die Akten einfach mal so kommen zu lassen. Das sollte vorher gut abgewogen und überlegt werden.
Heute stelle ich bei den jungen Menschen in Ostdeutschland die Tendenz fest, den Osten und somit die DDR, zu verklären.
Simson, DDR‑Fahne und der Trabi sind Kult und Ausdruck einer gewissen Lebensweise und Rückbesinnung, die bei diesen jungen Leuten eigentlich gar nicht existieren dürfte, denn oft wurden sie erst lange nach der Wende geboren.
Dieses „Es war nicht alles schlecht“ gehört zu diesem Kult dazu. Was ich davon halten soll? Offen gestanden, bin ich damit etwas überfragt, oder anders gesagt: Die Zukunft wird es zeigen.
Im Westen sieht es nicht viel besser aus, denn für die Jugend hier ist der Osten rechts und da fährt man nicht hin.
Hier fällt die permanente Hetze der Medien gegen die Ostdeutschen auf fruchtbaren Boden und kann ebenfalls nur als sehr gefährlich eingestuft werden.
Eine erneute bedenkliche Spaltung wird hier also sichtbar, die sich hoffentlich nicht noch vertieft.
Trotz alledem habe ich mich natürlich riesig gefreut, als die Wende kam, sich das ostdeutsche Volk von der Diktatur befreien konnte und ich endlich nach fünf langen Jahren meine Eltern wieder in meine Arme schließen durfte.
Das Bild zeigt den kilometerlangen Autostau am Grenzübergang Wartha am 10. November 1989, einen Tag nach dem Fall der Berliner Mauer.
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